Evolutionäre Humanisten Göttingen

Werner Gitt in der Stadthalle

Rüdiger Ludwig
13.06.2016

Werner Gitt war letzte Woche in Göttingen in der Stadthalle und hat - kostenlos und (bei mir) umsonst - zwei Vorträge gehalten. Letztes Jahr hatte bereits Sven die Ehre, eine solche Veranstaltung vorzeitig zu verlassen, dieses Mal wollte ich es ihm gleich tun.

Gitt ist ein ehemaliger Professor der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt in Braunschweig und ein Junge-Erde-Kreationist. Wie sich das miteinander verträgt? Ich weiß es nicht - vermutlich ähnlich gut, wie ein Neurochirug und Sieben-Tage-Adventist, dennoch schaffte es so Ben Carson bis ins Kandidatenfeld der Republikaner.

Bevor Gitt mit seinem ersten Vortrag beginnen konnte, hat eine Band die Bühne belegt und etwas geschmettert, das dank der eingeblendeten Untertitel als Lobgesänge auf Gott, Jesus, und einfach alles, was aus der Bibel kommt, erkennbar war. Die "Musik" selber war ein Zeichen, dass deren Gott - so er denn existiert - wirklich ein gutmütiger Gott sein muss, oder es war der erste (und einzige) Beweis der Nichtsexistenz eines Gottes dieses Abends.

Danach übernahm Werner Gitt das Podium und schaffte es bereits mit seinem Eingangswitz aufzuzeigen, dass es hier scheinbar um Wissenschaft, tatsächlich aber um eine tiefe Wissenschaftsfeindlichkeit und Distanz ging.

Kern des ersten Teiles seines Vortrages waren drei Gottesbeweise. Gitt zeigt hier ein Talent, das er auch im weiteren Verlauf des Vortrages zeigen wird: Es wird ein Anfang gesetzt (ohne Beweis und ohne sonstige vernünftige Begründung) und über diesen Anfang iteriert - die Schlussfolgerungen werden ins Absurde getrieben, bis die Hälfte des Publikums den Anfang vergessen hat (war ja eh (pseudo-) wissenschaftliches Blah und damit (absichtlich) über dem (Erwartungs-) Horizont des Publikums). Danach wird dann die Setzung als wahr angenommen und somit ex falso quodlibet: Gott.

Genial - aber auch langweilig, wenn man die selben "Beweise" schon mehrfach im Internet gesehen hat - und jede möglich Widerlegung im Schlaf aufsagen könnte. Das einzige, was ich hierbei interessant fand, war, dass es Gitt schaffte, sowohl Gott prinzipiell zu "beweisen", als Ursache aller Ursachen, als auch dieses mit dem Gott der Bibel zu verbinden - einen Brückenschlag, den ich im Internet bisher nicht gesehen hatte.

Die zweite Hälfte des Vortrages fand ich interessanter, weil perfider. Im ersten Teil wurde "bewiesen", dass die ganze Bibel wahr ist - und damit *muss* die Bibel auch unser moralischer Kompass sein. Auf die ganzen schrecklichen Aufforderungen in der Bibel ist er zwar nicht eingegangen - aber sehr wohl auf die Drohungen, was passiert, wenn man sich diesem Gott nicht verschreibt. Es wird von Hölle, Verdammnis und Qualen auf der einen Seite gepredigt, verbunden mit Liebe und Hingabe auf der anderen Seite. Teilen des Publikums scheinen die Tränen in die Augen zu schießen, als ihnen (wieder) klar wird, wie gut sie es haben, wenn sie dieses Leben durchstehen und dabei an Gott und ihre Belohnung denken.

Ich finde das schrecklich und es ärgert mich. Hier werden mehrere Sachen gleichzeitig gemacht:
Zum einen werden die ganzen Gräuel der Bibel auf Gott abgewälzt. "Ich würde Dich ja lieben, aber Gott sagt in der Bibel ganz eindeutig, dass Schwulsein böse ist - also nimm' es mir bitte nicht übel, wenn ich Dich steinigen muss".
Zum anderen werden die Menschen aufgefordert, gar nicht für ein besseres Leben hier einzustehen. Gott weiß ja schon, was er tolles mit ihnen machen wird (er ist sich unsicher, ob sie wirklich an ihn glauben werden, darum müssen sie es so explizit tun) - warum sollen sie also hier und jetzt etwas anderes Gutes tun, außer die Wahrheit über das Jenseits zu verbreiten?

Den Abschluss machte ein Gebet. Hier hat mir Herr Gitt tatsächlich etwas geschenkt: Man sollte dazu aufstehen. Ich bin sitzen geblieben - und von meiner Position aus sah es aus, als ob dieses noch genau eine andere Person ähnlich tat: Der Mensch, der direkt hinter mir saß (spreche einer von Zufall). Wir Atheisten sind also nicht alleine. Selbst in solchen wissenschafts- und ratiofernen Veranstaltungen sitzen Leute, die denken wie wir - und dort können wir versuchen, sie für uns zu gewinnen. Wichtig ist dabei, dass wir uns auch zu erkennen geben. Und wenn ich eine positive Erkenntnis von der Veranstaltung mitnehmen möchte, dann diese: Wir müssen zusehen, dass wir erkannt werden - genau dann haben wir eine Chance, immer mehr zu werden.