Evolutionäre Humanisten Göttingen

Ethik ohne Religion

Hermann Engster
20.05.2016

Alles, was ist, unterliegt der Veränderung, und d.h. der Evolution. Die unbelebte und die belebte Natur, und mit ihr auch der Mensch als ein Teil von ihr. Und diese Evolution umgreift nicht nur seinen physischen Teil, sondern auch das Geistige, Kulturelle, das aus der Physis heraus sich entwickelt hat. Das ist eine konsequent materialistische Auffassung von der Natur und vom Menschen, und keine Erfindung des bösen Marxismus des 19. Jahrhunderts, sondern eine Auffassung, die schon in der frühest überlieferten Philosophie der Antike ihre Wurzeln hat, also seit dem 6. Jahrhundert v.u.Z., zum Beispiel bei Thales von Milet, Anaximander, Demokrit, Epikur und Lukrez.

Machen wir uns eine richtige Vorstellung davon, was der Begriff Materie bedeutet! Er geht auf griech. méter, lat. mater zurück, das Wort für Mutter. Und so wird die Materie begriffen als Mutter von allem, was existiert. Der Philosoph Ernst Bloch, ein Marxist übrigens, hat das sehr drastisch formuliert, indem er forderte: Wir müssen uns freimachen von der Klotzvorstellung der Materie! In der Tat: Wenn man sich die Erkenntnisse der modernen Naturwissenschaften wie Kosmologie, Quantenphysik, Biologie anschaut, dann erlebt man dort wunderbare und unbegreifliche Dinge, wie sie keine Religion zu bieten hat. Es sind Dinge dabei, die wir nicht zu begreifen vermögen, wie etwa die Einheit von Raum und Zeit oder die Vorgänge in der Quantenmechanik, aber es sind Dinge, die, so unbegreiflich sie sein mögen, man nicht blind glauben muss, sondern sie haben den gegenüber den unbegreiflichen Dingen der Religion den unschätzbaren Vorzug: Man kann sie nachweisen.

So ist also die Materie der Ursprung allen Seins. Nach wenigen elementaren Gesetzen bildet die Materie immer komplexere Strukturen, erschafft aus sich heraus Leben, dann Psychisches wie Emotionalität; dann Bewusstsein, wobei die Grenzen zwischen Tieren und Menschen fließend sind. Viele Tiere verfügen über Bewusstsein, ja sogar Bewusstsein der eigenen Identität, wie es bei Affen und Raben der Fall ist; und schließlich bilden sich Bewusstsein und Geist: der Geist, der über sich selbst reflektiert, der Wissenschaft und Kunst hervorbringt. Und der anfängt, darüber nachzudenken, wie man eine Gesellschaft so gestaltet, dass Konflikte vernünftig geregelt werden, damit ein gutes Leben möglich sei. Also das, was wir heute Wertedebatte nennen.

Sehen wir uns nun einmal an, wie diese sich im Verlauf der Menschheitsgeschichte entwickelt hat. Schauen wir dabei uns das an, was als jüdisch-christliches Erbe bezeichnet wird. Juden, nebenbei bemerkt, distanzieren sich davon, weil es eben die Christen waren, von denen sie über Jahrhunderte mit Hass und Mord verfolgt worden sind. Wie immer gesagt wird, waren es die Nazis, die vor nicht allzu langer Zeit sechs Millionen Juden ermordet haben. Aber wer waren diese Nazis? Es waren fast ausschließlich gottgläubige, christlich erzogene Deutsche.

Da nun unser kollektives Bewusstsein über viele Jahrhunderte lang von diesem Erbe geprägt ist, meinen wir, dass alle unsere Werte, die wir so hochschätzen, darauf zurückgehen, also religiösen Ursprung haben und von Gott uns eingegeben sind. Das führt dann zu dem populären Schluss: Ohne Gott, keine Moral. Wenn man nicht an Gott glaubt, kann jeder machen, was er will.

Es gibt nur wenige Irrtümer, die schlimmer sind als dieser. Selbst die irrige Meinung, dass die Erde eine Scheibe sei, ist weniger schlimm, weil sie für das Zusammenleben der Menschen folgenlos ist.

Sehen wir uns einmal den Ursprung unseres Erbes an und schlagen den Grundtext auf, seine älteste Urkunde, es ist der Dekalog oder die Zehn Gebote. Diese stehen im Alten Testament, im Buch Exodus, wo erzählt wird, dass Mose sie auf dem Berg Sinai von Gott persönlich empfangen habe. Die Gestalt des Mose ist historisch schwer fassbar, die Datierung seiner Existenz reicht vom 6. bis zum 10. Jahrhundert v.u.Z. – falls Mose überhaupt eine reale Figur war und nicht, wie manche vermuten, eine mythisch-literarische Konstruktion.

Die Zehn Gebote sind in einem weitschweifigen Text enthalten. Entstanden und zusammengestellt ist er in einem Jahrhunderte langen Prozess; die früheste Handschrift datiert aus dem 1. Jahrhundert v.u.Z. Erst Luther hat die ausführlichen Anweisungen Gottes zu den griffigen Formulierungen der Zehn Gebote komprimiert.

Was schreibt Gott da den Menschen vor? Wie zumeist steht auch hier das Wichtigste am Anfang. Die ersten drei Gebote sind Forderungen eines autoritären und ehrsüchtigen Gottes, der sein Alleinstellungsmerkmal betont und dafür gelobt werden will. Die übrigen sieben Gebote sind handfest formulierte Anweisungen für ein rechtschaffenes Leben: Du sollst deine Eltern ehren, sollst nicht morden (wobei das ursprünglich nur in Hinsicht der eigenen Stammesangehörigen galt, Angehörige anderer Stämme mit anderer Religion durften durchaus und sogar mit ausdrücklicher Weisung Jahwes niedergemetzelt werden); ferner soll man nicht ehebrechen, nicht stehlen, nicht des andern Eigentum begehren, worunter neben dem Vieh und den Sklaven des Nachbarn auch dessen Ehefrau penibel mitgerechnet wird.

Das alles ist recht trivial. Interessant wird es aber, wenn man sich überlegt, was im Dekalog an Geboten und Verboten nicht enthalten ist. Und zwar Werte, die uns als unverzichtbar und unverhandelbar gelten.

Von Freiheit des Einzelnen, Redefreiheit, Freiheit der Religionsausübung, Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit, Gleichheit der Menschen, Gleichberechtigung von Mann und Frau, und vieles andere mehr – davon findet sich in den Zehn Geboten nichts. Aufschlussreich ist zudem, was alles nicht verboten ist: Rassendiskriminierung, Sklaverei, Folter, Vergewaltigung – die Liste ließe sich noch fortsetzen.

Es ist eben die Religion und Ethik eines nomadisierenden Wüstenvolkes, damals brauchbar, den Problemen des 21. Jahrhunderts aber in keiner Weise angemessen.

Zudem ist der Dekalog auch keineswegs besonders fortschrittlich in Sachen Ethik. Die Wüste mag ein geeigneter Ort zum Meditieren sein, der kulturelle Fortschritt findet woanders statt, nämlich da wo viele Menschen unterschiedlicher Art sich zusammenballen: in den Städten.

Zur Zeit der Entstehung der Zehn Gebote gibt es einen erheblich fortgeschritteneren Entwicklungsstand. Die erste Überlieferung der Menschenrechte stammt nicht von dem auserwählten Gottesvolk, sondern von einem Konkurrenten, der zudem noch einer ganz falschen Religion anhing. Dieser war der Perserkönig Kyros der Große. Seine Armeen eroberten 539 v.u.Z. die Stadt Babylon; das war sicher eine militärische Großtat. Eine Großtat für die Geschichte der Menschheit war aber das, was Kyros im Anschluss daran tat und auf einem gebrannten Tonzylinder in akkadischer Sprache mit Keilschrift festhielt. Auf diesem uns bewahrten sogenannten Kyros-Zylinder verkündet Kyros:

  • dass alle Sklaven in die Freiheit entlassen werden sollen
  • dass alle Menschen das Recht haben, ihre Religion frei zu wählen
  • dass alle Menschen, gleich welcher Art, gleich seien.

Dies ist die weltweit erste Charta der Menschenrechte, und ihre Bestimmungen entsprechen den ersten vier Artikeln der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen.

Wir wissen nicht, welche grundsätzlichen philosophischen Erwägungen Kyros zu seinem Erlass bewogen haben. Sicher aber ist – und das ist für unser Thema von Bedeutung – dass er, obwohl er an Gott, ja sogar an viele Götter glaubte, sich bei seinem Erlass nicht auf irgendeine göttliche Weisung beruft.

Von Babylon aus verbreitete sich der Gedanke der Menschenrechte nach Griechenland und Rom. Sehen wir uns einmal an, in welcher Weise sich die Grundrechte im Lauf der Zeit sich entwickelt haben, sie also, annähernd vergleichbar mit der materiellen Evolution, eine geistige und kulturelle Evolution durchlaufen haben.

Natürlich ist nicht zu leugnen, dass auch die Religionen daran ihren Anteil gehabt haben. Da ist in erster Linie der im Alten Testament entwickelte Gedanke von der Gottesebenbildlichkeit des Menschen, welche die Menschen zu einander Gleichen macht, sowie das Ideal der Gerechtigkeit, wie es vor allem von den Propheten verkündet worden ist.

Aber viele unserer Werte sind unabhängig von der Bindung an eine Religion entwickelt worden.

  • Die Regula aurea oder die Goldene RegelBehandle andere so, wie du selbst von ihnen behandelt werden möchtest – ist schon im 4. Jahrhundert v.u.Z. in der fernöstlichen Philosophie entwickelt worden.
  • Das Gebot der Nächstenliebe, das Jesus aus dem Alten Testament übernahm und radikalisierte, findet sich in ähnlicher Form schon bei den antiken Griechen unter dem Begriff der Agape als einer Form der nicht-erotischen, uneigennützigen Liebe: Es ist ein Begriff, der dann vom frühen Christentum und vor allem von Paulus besetzt worden ist und lateinisch als Caritas erscheint.
  • Die sogenannten Kardinaltugenden wie Gerechtigkeit, Wahrhaftigkeit, Mäßigung, Tapferkeit, Freigebigkeit sind bereits von Aristoteles im 3. Jahrhundert v.u.Z. in seinen Schriften Ehik und Nikomachische Ethik formuliert worden.
  • Erste Überlegungen zur Menschenwürde finden sich schon bei den griechischen Philosophen; konkret ausformuliert dann im 1. Jahrhundert v.u.Z. bei Cicero in seinen Schriften De re publica und De officiis (Vom pflichtgemäßen Handeln).

Ein großer Teil der griechischen und römischen Philosophie von Platon, Aristoteles, Epikur, Cicero, Seneca kreist um folgende drei Probleme:

  • Wie ist ein gutes Leben möglich?
  • Wie muss ein gerechter Staat beschaffen sein?
  • Und wie ist das Verhältnis des Einzelnen zum Staat?

Bei Jesus finden wir zum Beispiel fast nichts davon. Außer dem einen Satz Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist (Matth. 2,21). Das ist ein Satz, der im Grunde nichts sagt, sondern sich vor dem Problem drückt. Jesus mag als Rabbiner sicher ein ordentlicher Theologe gewesen sein, aber von der griechischen Philosophie und den zeitgenössischen Debatten zur Staatsethik hatte er keine Ahnung. Und – das kann ich mir nicht verkneifen festzustellen – Fremdsprachen konnte er auch nicht, weder Latein, noch Griechisch, das damals die Sprache der Gebildeten war. Wo und wann hätte er das auch lernen sollen, da er bis zu seinem 30. Lebensjahr bei seinem Vater in der Zimmermannswerkstatt gearbeitet hatte und dann drei Jahre als Wanderprediger durch die Gegend zog?

Diese Gedanken der antiken Ethik sind dann weiterentwickelt worden zu den Konzepten der Menschenrechte und der demokratischen Grundwerte wie Redefreiheit, Religionsfreiheit, Gleichheit aller Menschen, Gleichberechtigung von Mann und Frau u.v.a.m. Etappen auf diesem Weg sind: die englische Magna Charta von 1215, die Bill of Rights von 1689, in der die Grundrechte des Einzelnen festgelegt werden, die amerikanische Unabhängigkeitserklärung von 1776, die Französische Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte von 1789, die auf die Errungenschaften der Aufklärung zurückgehen. Das alles ist erfolgt – und das muss ausdrücklich festgehalten wird – nicht nur ohne die Kirchen, sondern auch gegen deren erbitterten Widerstand, wobei besonders die katholische Kirche eine geradezu fanatisch ablehnende Haltung einnahm. So wie der Vatikan bis heute sowohl die Menschenrechts-Charta der Vereinten Nationen und die Europäische Menschenrechtskonvention ablehnt, weil das göttliche Recht höher stehe als das menschliche.

Am Schluss möchte ich Ihnen eine kleine Geschichte mitgeben. Sie stammt von Bertolt Brecht und ist eine von seinen Geschichten vom Herrn Keuner. Herr Keuner – der Name bedeutet „Keiner“ – ist ein Allerweltsmensch, der sich um das genaue Denken bemüht. Diese Geschichten sind von einer vertrackten Dialektik gekennzeichnet. Eine dieser Geschichten geht so:

Einer fragte Herrn Keuner, ob es einen Gott gäbe.
Herr Keuner sagte: Ich rate dir, nachzudenken, ob dein Verhalten je nach der Antwort auf diese Frage sich ändern würde.
Würde es sich nicht ändern, dann können wir die Frage fallen lassen.
Würde es sich ändern, dann kann ich dir wenigstens noch so weit behilflich sein, dass ich dir sage, du hast dich schon entschieden: Du brauchst einen Gott.

Das ist gute alte sokratische Methode. Keuner beantwortet die Frage nicht, sondern erlegt es dem Fragenden auf, die Antwort selbst zu suchen: Wenn du der Auffassung bist, durch eigenes Nachdenken dein Leben nach Prinzipien der Vernunft und Gerechtigkeit eingerichtet zu haben – wozu brauchst du dann Anweisungen einer höheren Autorität? Und damit erübrigt sich die Frage. Wenn dir aber dein eigenes Denken nicht dazu verhelfen kann, dann brauchst du eine solche Autorität.

Das ist auch Kantische Philosophie: Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen. Vertraue nicht auf Autoritäten, nicht einmal auf Seelsorger, so rät er. So steht es in seiner Schrift Was ist Aufklärung?, einem Grundtext der Emanzipation.


Dieser Vortrag, wurde bei der Veranstaltungsreihe FORUM - Interreligiöser Dialog am 09.05.2016  im Theologicum von Hermann Engster gehalten.